Max Ludwig Planck
(* 23. April 1858 in Kiel, + 4. Oktober 1947 in Göttingen)
"Mit Recht der Liebling seiner Lehrer und seiner Mitschüler. Der
Jüngste der Klasse und bei aller Kindlichkeit ein sehr klarer, logischer
Kopf. Verspricht etwas Rechtes." Das hatte das dem Schüler Max
Planck im Zeugnis bescheinigt. Nach der Reifeprüfung, die er 1874
mit kaum 16 Jahren abgelegt hatte, schwankte der vielseitig Begabte in
seiner Entscheidung zwischen dem Studium der Musik, der Altphilologie und
der Physik.
Als sich Planck bei Philipp von Jolly nach den Aussichten eines Physikstudiums
erkundigte, riet dieser dringend ab: In der Physik sei im wesentlichen
schon alles erforscht, und es gäbe nur noch einige Lücken auszufüllen.
Ähnlich betrachtete damals Emil Du Bois-Reymond die theoretische Mechanik
mit dem Energieprinzip an der Spitze als Höhepunkt und endgültigen
Schlußstein der Physik: Ende des 19. Jh.s und um die Jahrhundertwende
war für das Bürgertum in Europa eine konservative Einstellung
typisch. Sowohl die staatliche Ordnung wie die Wissenschaft wurden als
gefestigt angesehen; nach einer stürmischen Aufbauphase glaubte man
nun an die Erhaltung des Bestehenden. In diesem "Denkklima" haben sich
die Auffassungen Plancks von der Wissenschaft und vom Staate geformt, und
schon deshalb hat es eines ungeheuren inneren Kampfes bedurft, daß
er diese Überzeugungen später durch andere Ansichten zu ersetzen
vermochte.
Vom Rate Jollys unbeeinflußt, studierte Planck in Berlin und München
Physik und promovierte im Alter von 21 Jahren mit einer Dissertation aus
dem Gebiet der Thermodynamik. Schon hier stand eine physikalische Größe
im Mittelpunkt, auf der die Arbeiten Plancks immer wieder aufbauten: die
Entropie. Von dieser sagte Max Planck selbst, daß sie bei den damaligen
Physikern "so ein bißchen nicht sehr beliebt war, weil die so ein
vages Gespenst war". 1885 erhielt Planck die erste Professur; vier Jahre
später erfolgte die Berufung an die Universität Berlin, an der
er jahrzehntelang als Professor der theoretischen Physik und später
als Emeritus wirkte.
Im Laufe seiner Studien über die Entropie wandte sich Max Planck
um 1894 der Wärmestrahlung zu. Dabei entdeckte er (spätestens
im Mai 1899), noch in der Meinung, daß die Wiensche Strahlungsformel
zutreffend ist, eine neue Naturkonstante das Wirkungsquantum. Mitte Oktober
1900 leitete er durch eine geniale Interpolation das richtige Gesetz der
schwarzen Wärmestrahlung ab, das Plancksche Strahlungsgesetz. Der
14. Dezember 1900, an dem Planck die Herleitung dieser Formel aus den Prinzipien
der Physik auf der Sitzung der Deutschen Physikalischen Gesellschaft in
Berlin vortrug, gilt als der "Geburtstag der Quantentheorie".
Die Physiker der Planck nachfolgenden Generation sind immer wieder voll
Bewunderung, wenn sie Plancks Argumentation des Jahres 1900 rekonstruieren.
Um bei der Ableitung der Strahlungsformel durchzukommen, bedurfte es eines
"sehr klaren, logischen Kopfes". Es bedurfte dazu aber auch einer ungewöhnlich
systematisch und gewissenhaft arbeitenden Persönlichkeit. Gewissenhaftigkeit
und Ordnungsliebe waren bei Planck schon fast in sprichwörtlichem
Ausmaß vorhanden. Selbst bei seinen beliebtesten Freizeitbeschäftigungen,
dem Bergsteigen und dem Musizieren, machten sich diese Charakterzüge
geltend, wie Heisenberg amüsant geschildert hat.
Während der unkonventionell denkende und handelnde Albert
Einstein mit der Kühnheit der Jugend das Alte durch Neues ersetzen
wollte, suchte Planck von den bisherigen Prinzipien der Wissenschaft zu
retten, was irgendwie zu retten war: "Es scheint mir, daß gegenüber
der [Einsteinschen] Korpuskulartheorie des Lichtes die größte
Vorsicht geboten ist ... Die Theorie des Lichtes würde nicht um Jahrzehnte,
sondern um Jahrhunderte zurückgeworfen ... Und alle diese Errungenschaften,
die zu den stolzesten Erfolgen der Physik, ja der Naturforschung überhaupt
gehören, sollen preisgegeben werden um einiger noch recht anfechtbarer
Betrachtungen willen? Da bedarf es denn doch noch schwereren Geschützes,
um das nachgerade sehr stark fundierte Gebäude der elektromagnetischen
Lichttheorie ins Wanken zu bringen."
Planck gab geradezu die Anweisung, jedes Wagnis möglichst zu vermeiden:
"Bei der Einführung der Wirkungsquanten h in die Theorie ist so konservativ
als möglich zu verfahren, d. h., es sind an der bisherigen Theorie
nur solche Änderungen zu treffen, die sich als absolut notwendig herausgestellt
haben." Trotz seiner konservativen Einstellung hatte Planck auch in den
folgenden Jahren das Verdienst, immer wieder auf die Wichtigkeit des Problems
hinzuweisen und so die Diskussion in Gang zu halten, bis der Durchbruch
erzielt war.
Während Planck gegenüber der Einsteinschen Lichtquantenhypothese
noch lange skeptisch blieb, erkannte er sofort die Tragweite der Speziellen
Relativitätstheorie, und vor allem ihm ist die rasche Einführung
der neuen Theorie zu danken. Dank seiner wissenschaftlichen Leistungen
wie auch wegen seines geraden, unbeugsamen Charakters und der Vornehmheit
der Gesinnung und des Handelns hat sich Planck eine einzigartige Stellung
unter den Physikern Deutschlands erworben. Als einer der vier beständigen
Sekretäre der Preußischen Akademie der Wissenschaften lenkte
er für mehr als fünfundzwanzig Jahre die Geschicke dieser hochangesehenen
Körperschaft; viele Jahre war er immer wiedergewählter Vorsitzender
der Deutschen Physikalischen Gesellschaft, ebenso lange Jahre Mitherausgeber
der altehrwürdigen "Annalen der Physik", der maßgebenden wissenschaftlichen
Zeitschrift. Auch in der Notgemeinschaft der Deutschen Wissenschaft (der
heutigen Deutschen Forschungsgemeinschaft) galt sein Rat, insbesondere
im Hauptausschuß und Elektrophysik-Ausschuß.
Planck konnte die 1933 über Deutschland hereinbrechende Herrschaft
des Unrechts nicht erhindern; aber er ergriff unerschrocken das Wort zur
Ehrenrettung der jüdischen Gelehrten. In der Preußischen Akademie
würdigte er ausdrücklich die Verdienste des aus seinem Amte entlassenen
Einstein, dessen Leistungen er auf eine Stufe stellte mit den Leistungen
Keplers und Newtons. Im Jahre 1935 setzte Planck für den inzwischen
im Ausland verstorbenen Fritz Haber eine Trauerfeier an, die trotz offizieller
Proteste "im vollbesetzten Harnackhaus vor vielen Professorenfrauen, vor
einigen das Verbot mißachtenden Professoren, vor Vertretern der Industrie
würdig und sehr stimmungsvoll" verlief. "Alle bewunderten Planck",
erzählte Otto Hahn, "daß er den Mut gehabt hatte, die Feier
durchzuführen."
Wie in der Wissenschaft mußte auch in der Politik Planck sein
Denken aufgrund bisher unvorstellbarer Geschehnisse umgestalten: Unbedingte
Loyalität dem Staate gegenüber war für ihn, der in der preußischen
Tradition aufgewachsen war, eine Selbstverständlichkeit gewesen. Der
Mißbrauch der Staatsmacht zwang ihn, auch hier seine bisherigen Denkkategorien
aufzugeben und neue Maßstäbe zu gewinnen. Den Gegensatz der
Traditionen des 19. Jh.s zu den Ereignissen der neuen Zeit hat er in der
Politik noch quälender erfahren als in der Wissenschaft.
Nachdem Planck 1909 seine erste Frau verloren hatte, entriß ihm
der Erste Weltkrieg den Sohn Karl, der 1916 vor Verdun fiel. Bald darauf
starben seine Zwillingstöchter. Und im Zweiten Weltkrieg wurde sein
Lieblingssohn Erwin nach den Ereignissen des 20. Juli 1944 zum Tode verurteilt.
Weitere schreckliche Erlebnisse beim Zusammenbruch des Dritten Reiches
blieben Planck nicht erspart. Sein Haus in Berlin-Grunewald wurde durch
Bombenangriffe völlig zerstört, seine unersetzliche Korrespondenz
ein Raub der Flammen. Als Flüchtling war der 87jährige schweren
körperlichen und seelischen Strapazen ausgesetzt.
Die letzten Lebensjahre verbrachte Planck in Göttingen, wobei er
aus der ihm von den Göttinger Physikern entgegenströmenden Verehrung
viel Kraft schöpfte. Als ein äußeres Zeichen dieser Verehrung
wurde die große und ruhmreiche "Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft zur Förderung
der Wissenschaften", deren Präsident Max Planck sieben Jahre lang
gewesen war, in "Max-Planck-Gesellschaft"
umbenannt.
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