Niels Bohr
(* 7. Oktober 1885 in Kopenhagen, + 18. November 1962 in Kopenhagen)
Sohn des Physiologen Christian Bohr, Bruder des Mathematikers Harald
Bohr. Bereits seiner ersten Forschungsarbeit (einer Präzisionsmessung
der Oberflächenspannung von Wasser) wurde im Jahre 1906 eine Goldmedaille
der Königlich Dänischen Akademie der Wissenschaften verliehen.
Bohr promovierte 1911 mit einer Arbeit über die Theorie der Metallelektronen,
in der er zeigte, daß die magnetischen Eigenschaften der Metalle
mit den Vorstellungen der klassischen Physik nicht verstanden werden könnten.
Er ging im Oktober desselben Jahres nach England, zuerst zu Joseph John
Thomson, bald aber (im März 1912) nach Manchester zu Ernest Rutherford,
mit dem ihn bald eine tiefgehende Freundschaft verband.
Im Zusammenwirken mit der Arbeitsgruppe in Manchester griff Bohr rasch
die Vorstellungen Rutherfords vom Atom, die dieser Ende 1910 aufgrund der
Weitwinkelstreuung von a-Teilchen in dünnen Materieschichten entwickelt
hatte, auf, da ihn die Möglichkeit faszinierte, die Eigenschaften
der Elemente aus einer einzigen Zahl, der Kernladung oder Ordnungszahl,
abzuleiten. Er unterschied auch bereits früh zwischen den chemischen
Eigenschaften und den Phänomenen der Radioaktivität, die im Kern
ihren Ursprung haben. Seine Schlüsse auf die Existenz der Isotopie
und das Bestehen der etwa gleichzeitig von Kasimir Fajans und Frederick
Soddy entdeckten radioaktiven Verschiebungsgesetze konnte er im Sommer
1912 nicht veröffentlichen, da Rutherford der Meinung war, daß
diese Folgerungen aus seinem Atommodell zu gewagt seien. Da in jener Zeit
noch keine Klarheit herrschte über die Zahl der in den einzelnen Atomen
enthaltenen Elektronen, entwickelte Bohr zunächst eine Theorie der
Bremsung von a-Teilchen, deren Anwendung auf Wasserstoff und Helium zeigte,
daß in diesen beiden Elementen 1 bzw. 2 Elektronen vorhanden sind.
Darüber hinaus war Bohr unter dem Eindruck des l. Solvay- Kongresses
in Brüssel überzeugt, daß der Schlüssel zum Verständnis
des Atombaues im Planckschen Wirkungsquantum zu suchen sei. So konnte er
unter Verwendung einer dem Planckschen Vorgehen beim harmonischen Oszillator
analogen Formel zeigen, daß wohl ein Wasserstoff-, nicht aber ein
Heliummolekül existieren kann.
Nachdem Bohr im Herbst 1912 an der Universität von Kopenhagen Assistent
geworden war, bemühte er sich um eine zusammenfassende Darstellung
der in Manchester über den Atombau gesammelten Ideen. Noch im Januar
des Jahres 1913 hatte er die Spektralgesetze, weil sie ihm zu kompliziert
schienen, nicht berücksichtigt, aber im darauffolgenden Monat bezog
er sie, angeregt durch die Lektüre eines Buches von Johannes Stark
(Prinzipien der Atomdynamik II) und eine Bemerkung des Spektroskopikers
Hans Marius Hansen, der ihn auf die Einfachheit der Balmerformel aufmerksam
machte, in seine Theorie ein. Im März 1913 übersandte er Rutherford
den ersten Teil seiner im Philosophical Magazine Vol. 26 erschienenen berühmten
Arbeit "On the Constitution of Atoms and Molecules", in der erstmals die
Balmerserie aus der Vorstellung diskreter Atomzustände abgeleitet
wurde. In derselben Abhandlung zeigte Bohr, daß gewisse von Edward
Pickering
in den Spektren ferner Sterne beobachtete und bisher dem Wasserstoff zugeschriebene
Spektrallinien dem ionisierten Helium zuzuordnen sind. Die experimentelle
Entscheidung dieser Frage durch Evan Jenkin Evans zugunsten der Bohrschen
Ansicht trug wesentlich dazu bei, daß die neue Theorie sich rasch
durchsetzte. Während die experimentelle Forschung mit den Versuchen
von James Franck und Gustav Hertz (die Bohr erstmals richtig deutete) sowie
von Henry C. J. Moseley weitere gewichtige Argumente für seine Theorie
beisteuerte, bemühte sich Bohr beständig um eine Klärung
der ihr zugrundeliegenden Prinzipien.
Einen wesentlichen Fortschritt in dieser Richtung brachten Arnold Sommerfelds
Arbeiten über die doppelte Quantelung im Jahre 1915, die Bohr mit
Hilfe der Hamiltonschen Mechanik zu einer Theorie der mehrfach-periodischen
Bewegungen erweiterte. Trotz gewisser Teilerfolge blieb die feinere Struktur
der Spektren zwar weiterhin unaufgeklärt, es gelang Bohr aber, mit
Hilfe des 1913 schon (in Gestalt einer Analogie der Quantenmechanik zur
klassischen Physik) eingeführten Korrespondenzprinzips auch das Problem
der Auswahlregeln und der Linienintensitäten in Angriff zu nehmen.
Die Entwicklung bis zu diesem Punkt spiegelt sich in Bohrs in den Jahren
1918 bis 1922 publizierten Arbeiten unter dem Titel "On the Quantum Theory
of Line Spectra" wider.
Der äußere Lebensweg Bohrs verlief in dieser Zeit über
die folgenden Stationen: 1913 wurde er Dozent an der Universität Kopenhagen,
von 1914 bis 1916 war er auf Einladung Rutherfords wieder in Manchester,
danach ging er als Professor nach Kopenhagen zurück, wo ihm 1920 das
Institut für theoretische Physik eingerichtet wurde, dem er zeitlebens
als Direktor vorgestanden hat. 1922 erhielt Bohr den Nobelpreis. Im Jahre
1931 überließ die dänische Regierung Niels Bohr in Anerkennung
seiner großen Leistungen den Carlsberg-Ehrenwohnsitz, der nach dem
Willen der Stiftung dem jeweils bedeutendsten dänischen Wissenschaftler
zugehören soll.
Einen gewissen Wendepunkt auf dem Wege zur Klärung der quantentheoretischen
Grundlagen stellte die von Bohr gemeinsam mit Hendrik Antony Kramers und
John Clarke Slater 1924 verfaßte Arbeit "The Quantum Theory of Radiation"
dar, in der angenommen wurde, daß Impuls- und Energiesatz nur statistische
Gültigkeit besäßen. Daß diese Annahme nicht zu halten
war, zeigten sehr bald die Experimente von Hans Geiger und Walter Bothe
sowie von Arthur Holly Compton und Alfred W. Simon, die nachwiesen, daß
die Erhaltungssätze auch den einzelnen Elementarprozeß beherrschen.
Im Anschluß an diese Arbeit gelang Werner Heisenberg 1925 die
Formulierung der Quantenmechanik. Damit trat die Quantentheorie in ihr
Schlußstadium. Es folgten nun rasch aufeinander: 1926 Erwin Schrödingers
Wellenmechanik und Max Borns statistische Interpretation der Wellenfunktion,
1927 Heisenbergs Unschärferelation und Bohrs Vorstellung der Komplementarität.
Die Unschärferelation und die Idee der Komplementarität stellen
den Inhalt der sog. "Kopenhagener Deutung" der Quantentheorie dar. Sie
gingen hervor aus Bohrs und Heisenbergs - Heisenberg war damals Lektor
am Kopenhagener Institut Bohrs - gemeinsamem Bemühen um eine widerspruchsfreie
Formulierung des begrifflichen Inhalts der Theorie. Während Heisenberg
dabei zu dem Ergebnis geführt wurde, daß der Genauigkeit, mit
welcher kanonisch konjugierte Größen (wie Ortskoordinate und
Impuls) gleichzeitig gemessen werden können, durch die Natur im Planckschen
Wirkungsquantum eine Grenze gesetzt ist, kam Bohr zu der Ansicht, daß
die Natur zu ihrer vollständigen Beschreibung den Gebrauch sich zwar
gegenseitig ausschließender, sich aber andererseits gegenseitig ergänzender
(zueinander komplementärer) Vorstellungen zuläßt (wie z.
Bohr das Teilchen- und Wellenbild zur Beschreibung des Verhaltens von Licht
und Materie). Bohr hat diesen Gedanken später auch in gewisse Bereiche
der Biologie und Philosophie übertragen, indem er darauf hinwies,
wie auch dort zur Erfassung von bestimmten Sachverhalten komplementäre
Betrachtungsweisen angewandt werden. Nach Lösung des Problems der
Meßbarkeit der elektrodynamischen Feldgrößen (1931 - 1933)
beschäftigte sich Bohr 1936 - 1943 mit Fragen der Kernphysik und entwickelte
u. a. das sog. Tröpfchenmodell des Kerns sowie eine Theorie der von
Otto Hahn und Fritz Straßmann entdeckten Kernspaltung.
Im Jahre 1943 nahm Bohrs Leben eine dramatische Wendung. Von Freunden
gewarnt, verließ er seine seit 1940 besetzte Heimat und floh im Segelboot
über den Öresund nach Schweden. Von dort holte ihn der britische
Geheimdienst nach England. Später kam er in die Vereinigten Staaten
und wurde am Atombombenprojekt beteiligt. 1945 kehrte er nach Kopenhagen
zurück. Nach der Gründung des großen europäischen
Kernforschungszentrums CERN brachte man die theoretische Abteilung zunächst
in Bohrs Institut unter. Als Bohr 1962 starb, mußte er die Theorie
der Supraleitung, seinen letzten Forschungsgegenstand, ungelöst zurücklassen.
Sein Nachfolger in der Leitung des berühmten Kopenhagener Instituts
für theoretische Physik wurde sein Sohn Aage Bohr.
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