Die historische Entwicklung des Atombegriffs
Das
gedankliche Urbild für die Atomistik der Neuzeit entstammt der Antike
und ist mit dem Namen griechischer Naturphilosophen vor Sokrates, besonders
mit denen Leukipps und Demokrits (5. Jh. v. Chr.), verbunden. Sie befaßten
sich vorwiegend mit der Frage nach der eigentlichen Natur der Materie und
lehrten, daß alles Seiende aus verschiedenen, unteilbaren, kleinsten
Bausteinen (Atomen) bestehe. Die trotz der teilweise heftigen Bekämpfung
vor allem durch die Schriften Epikurs und Lukrez' tradierte Atomvorstellung
wurde im 17. Jh. von einigen Naturforschern aufgenommen und propagiert
(Sebastian Basso, Daniel Sennert, Joachim Jungius). Pierre Gassendi schrieb
den einzelnen Atomen eine unzerstörliche Bewegung zu (die zwar durch
Hindernisse gehemmt werden könne, aber nach Beseitigung wieder voll
zum Vorschein komme).
Gegen den Atomismus stand der Plenismus, der durch René Descartes
großen Einfluß gewann. Danach ist der Raum kontinuierlich und
vollständig mit Materie gefüllt, ja Materie und der von ihr eingenommene
Raum sind geradezu identisch. Diese Auffassung konnte auch nach der Entdeckung
des (bisher vielfach sogar als Möglichkeit geleugneten) Vakuums nicht
erschüttert werden, weil die Lichtausbreitung durch den Weltenraum
die Annahme des Äthers, eines sehr feinen und leichten Stoffes, (scheinbar)
notwendig machte.
Newton vertrat (trotz seines "hypotheses non fingo") einen entschiedenen
Atomismus und stellte sich richtig vor, daß die zwischen den kleinsten
Teilchen wirkenden anziehenden Kräfte nicht dem aus seiner Gravitationstheorie
bekannten, sondern einem anderen Potenzgesetz genügen: "Particles
attract one another by some Force, which in immediate Contact is exceeding
strong, at small distances performs the chymical Operations ... , and reaches
not far from the Particles with any sensible Effect."
Um den Satz von der Erhaltung der Energie auch für unelastische
Stöße aufrechterhalten zu können, nahmen Leibniz, Daniel
Bernoulli, Jakob Hermann und sogar G.-E. du Châtelet an, daß
die Wärme als Bewegung der kleinsten Teilchen aufzufassen sei. Daniel
Bernoulli gelang es mit dieser Auffassung sogar 1738 die kinetische Gastheorie
zu begründen und das Boyle-Mariottesche Gesetz (genauer durch Berücksichtigung
des Eigenvolumens der Atome eine Art van der Waalssches Gesetz) abzuleiten.
Da aber die Bernoullis, Euler u. a. den Atomen die Fähigkeit absprachen,
Newtonsche Kraftwirkungen untereinander ausüben zu können, vielmehr
alles (fast wie Descartes) auf Druck und Stoß der Atome bzw. des
Äthers zurückführen wollten, konnte sich keine klare Modellvorstellung
ausbilden.
Es hatte kaum Aufmerksamkeit gefunden, daß durch Daniel Bernoulli
bereits 1738 eine Verbindung zwischen quantitativ verifizierter Naturwirklichkeit
und der Atomvorstellung hergestellt worden war. Immerhin war an der Wende
des 18. zum 19. Jh. der Atomismus weitgehend akzeptiert, daß man
sogar allgemein von dem "atomistischen System der Physik" sprach im Gegensatz
zum System des Dynamismus. John Dalton, der als eigentlicher Begründer
der naturwissenschaftlichen Atomistik gilt, behandelte folglich die Atomvorstellung
als eine Selbstverständlichkeit und nahm als neu nur in Anspruch die
Ermittlung der (relativen) Atomgewichte.
Die Daltonsche Erklärung der Gesetze der konstanten und multiplen
Proportionen stellte zum ersten Mal eine Verknüpfung der Atomvorstellung
mit der handgreiflichen Erfahrung dar, die in das allgemeine Bewußtsein
eindrang. Wenn man beispielsweise beobachtete, daß sich zwei Gramm
Wasserstoff immer genau mit 16 Gramm Sauerstoff zu Wasser vereinigen, schienen
die Atome unmittelbar die Knallgasreaktion zu leiten. Für die Chemie
war damit das sichere Fundament geschaffen. Die Atomistik wurde ebenso
wie für unsere Naturerkenntnis auch für die praktische Chemie
zu einem neuen Ausgangspunkt; wollte man etwa einen neuen Stoff herstellen,
besaß man nun den rechnerischen Überblick, welche Mengen anderer
Stoffe man aufzuwenden hatte: Das Atom wurde gleichsam zum Rechenpfennig
der Chemie. Die bisherige Versuchsgenauigkeit war jedoch noch völlig
unzureichend. Erst Jöns Jacob Berzelius unternahm von 1814 an auf
breitester Grundlage eine experimentelle Prüfung, indem er, mit einer
damals unerhörten Sorgfalt, bei einer sehr großen Anzahl von
Verbindungen die Äquivalentgewichte bestimmte. Er schrieb vor, sich
nie auf das Resultat einer einzigen Analyse zu verlassen, sondern bei demselben
Stoff mindestens zwei verschiedene analytische Methoden und drei verschiedene
Bereitungsarten anzuwenden. Berzelius bestätigte das Gesetz der konstanten
Proportionen und entstchied damit den berühmten Streit zwischen Joseph-Louis
Proust und Claude Berthollet, und ebenso bestätigte er das Gesetz
der multiplen Proportionen. Dieses Gesetz ist keine notwendige Folgerung
aus der Atomhypothese; vielmehr weist es darüber hinaus auf einen
besonders einfachen Bau der Moleküle hin.
Das Gay-Lussac-Humboldtste Gasvolumengesetz demonstrierte noch deutlicher
als das Gesetz der konstanten und multiplen Proportionen das Wirken ganzer
Zahlen; es forderte eine Erklärung durch die Atomtheorie geradezu
heraus. So vertraten auch Dalton und Berzelius ursprünglich die Ansicht,
daß in jedem Volumenteil gleich viele "Atome" vorhanden seien. Beim
Zerfall des Ammoniaks etwa entstehen aber aus zwei Litern Ammoniakgas ein
Liter Stickstoffgas und drei Liter Wasserstoffgas. Also würden aus
zwei "Atomen" NH3 nur ein Atom Stickstoff und drei Atome Wasserstoff entstehen.
Dieser Widerspruch nötigte sie, ihre Hypothese fallen zu lassen. Avogadro
zeigte 1811, daß durch eine um weniges über die alte Dalton-Berzeliusste
Annahme hinausgehende Hypothese eine Erklärung des Gasvolumengesetzes
möglich ist: In gleichen Volumteilen sind gleich viele molécules
intégrantes ("Moleküle") enthalten; diese sind aus mehreren
molécules élémentaires ("Atomen") zusammengesetzt.
Während etwa noch Dalton für die Zusammensetzung des Ammoniaks
NH angenommen hatte, fand Avogadro richtig, "daß eine Molekel Stickstoff
sich mit drei Molekeln Wasserstoff vereinigt". Dalton wie Berzelius widersetzten
sich aber der Avogadroschen Hypothese.
In der Folge entwickelten sich so nebeneinander eine Reihe von einander
widersprechenden atomistischen Formelsystemen, was zur Verwirrung beitrug
und zur prinzipiellen Skepsis an der Atomistik. Erst Ladislao Cannizzaro
war es vergönnt, zu einer vollkommenen begrifflichen Klärung
zwischen Atomgewicht und Äquivalentgewicht und zwischen Atom und Molekül
zu gelangen, die im Anschluß an die berühmte Karlsruher Chemikertagung
1860, 50 Jahre nach der Hypothese von Avogadro, tatsächlich Eingang
in die Wissenschaft fand. "Es fiel mir wie Schuppen von den Augen, die
Zweifel schwanden, und das Gefühl ruhigster Sicherheit trat an ihre
Stelle", sagte Lothar Meyer.
Kurz vorher (1856 und 1857) hatten August Karl Krönig und Rudolf
Clausius nach dem vergessenen Ansatz von Daniel Bernoulli die kinetische
Gastheorie neu begründet, die vor allem von James Clerk Maxwell und
Ludwig Boltzmann mathematisch ausgestaltet wurde. Für Maxwell war
die Tatsache, daß man mit der Atomistik auf zwei so verschiedenen
Gebieten wie der Chemie und der Gastheorie die experimentellen Befunde
derart gut erfassen konnte, ein Beweis für die reale Existenz der
Atome. In einer großen Rede vor der British Association for the Advancement
of Science bezeichnete Maxwell 1870 die Atome als absolut unveränderliche
Gegebenheiten und leitete daraus die Forderung nach atomaren Standards
für Länge, Zeit und Gewicht ab.
Gegen die Atomistik erhoben sich in der zweiten Hälfte des 19.
Jh.s erneut zahlreiche Einwände. Die Positivisten unter Führung
von Ernst Mach und Wilhelm Ostwald nannten die Atome Gedankendinge, denen
keine reale Bedeutung zukomme. Max Planck glaubte, aus der kinetischen
Gastheorie und den Gesetzen der klassischen Mechanik einen Widerspruch
zum zweiten Hauptsatz der Thermodynamik folgern zu können und ließ
noch 1896 in den Annalen der Physik durch seinen Assistenten Ernst Zermelo
eine Polemik mit Ludwig Boltzmann führen.
Die Entwicklung ging über diese Einwände hinweg. Aus der Gastheorie
schloß Josef Loschmidt 1865 auf die absolute Größe der
Moleküle, während bei der experimentellen Untersuchung der Elektrizitätsleitung
in Elektrolyten und noch mehr in Gasen der atomistische Charakter der Elektrizität
immer deutlicher hervortrat ( Elektron).
Im Jahre 1905 lieferte Albert Einstein in seiner Theorie der Brownschen
Bewegung auf rein klassischer Grundlage einen direkten und abschließenden
Beweis für die atomistische Struktur der Materie. In Flüssigkeiten
suspendierte Teilchen von mikroskopisch sichtbarer Größe führen
infolge der Molekularbewegung der Wärme Schwankungen aus, die mit
dem Mikroskop nachgewiesen werden können. Für die Verschiebung,
die diese Teilchen erleiden, leitete Einstein einen Ausdruck ab, der vor
allem von Perrin experimentell bestätigt werden konnte. Mit abnehmender
Teilchengröße wächst die Verschiebung an, die Extrapolation
auf die Molekülgröße liefert die Wärmebewegung der
Moleküle. Die Extrapolation zeigt, daß das unsichtbare Molekül
ebenso reale Existenz hat wie das im Mikroskop zu beobachtende suspendierte
Teilchen.
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