Relativitätstheorie
Gibt es "absolute Ruhe"?
Bewegung ist Lageänderung; Lage wird immer relativ zu etwas angegeben.
Also kann auch Bewegung nur "relativ zu etwas"
sein. Es hat von Kopernikus bis Einstein gedauert, die Konsequenz zu
ziehen, daß weder die Erde noch sonst irgendetwas einen absolut ruhenden
Bezugspunkt liefern kann.
Zwei Beobachter mögen sich gleichförmig geradlinig zueinander
bewegen; jeder behaupte, er ruhe. Eine Entscheidung könnte durch Experimente
gefällt werden. Stellen Sie sich möglichst viele solcher Experimente
und ihren Ausgang vor, wie das schon Galilei tat. Er erkannte, daß
mindestens alle mechanischen Experimente in beiden Systemen völlig
gleich verlaufen müssen. Der Grund ist ganz allgemein: Alle Mechanik
ist aus den Newtonschen Axiomen ableitbar, und diese reden überhaupt
nicht von Geschwindigkeit. Von Beschleunigung reden sie, und deshalb ist
sehr wohl feststellbar, ob jemand beschleunigt wird. Das zeigt sich durch
das Auftreten von Trägheitskräften. Wo Geschwindigkeiten eine
Rolle spielen, etwa wo Kräfte wie Luftwiderstand oder Reibung davon
abhängen, handelt es sich immer um Relativgeschwindigkeiten zwischen
zwei Körpern. Ob der Wind "von selbst weht" oder ob er ein Fahrtwind
ist, spielt fur die Wechselwirkung mit ihm keine Rolle. Analog ist es beim
Doppler-Effekt in der Akustik, wobei allerdings die Relativbewegungen von
drei Körpern, der Quelle, des Empfängers und der Luft, zu beachten
sind.
Ob optische und elektromagnetische Experimente ebenso unfähig sind,
etwas über die absolute Bewegung des Systems
auszusagen, in dem sie sich abspielen, war anfangs nicht so sicher.
Bis 1900 zweifelte kaum jemand, daß sich das Licht ähnlich dem
Schall in einem materiellen Träger ausbreitet, dem Äther - "wenn
Licht Schwingungen darstellt, muß doch etwas da sein, was schwingt".
Dieser Äther mußte eine unvorstellbar geringe Dichte haben,
dabei aber hochelastisch sein, vor allem aber die ganze Welt mit Ausnahme
vielleicht der völlig undurchsichtigen Körper erfüllen.
Infolge dieser Allgegenwart würde er aber ein "absolut ruhendes" System
definieren, nämlich dasjenige, in dem er selbst ruht. "Absolute Bewegung",
also Bewegung gegen den Äther, ließe sich dann durch optische
Experimente nachweisen.
Der Michelson-Versuch
Von zwei gleich guten Schwimmern soll der eine quer über den Fluß
und zurück, der andere eine gleichlange Strecke L
flußaufwärts und wieder zurück schwimmen. Der erste
wird gewinnen, und zwar um die Zeitdifferenz:
wenn beide mit der Geschwindigkeit c schwimmen (relativ zum Wasser!)
und der Fluß mit v strömt. Ersetzt man die Schwimmer durch zwei
Lichtstrahlen, das Wasser durch den Äther und das Ufer durch die Erde
(oder das Labor), so hat man offenbar eine völlige Analogie. Messung
der Zeitdifferenz würde Bestimmung der Geschwindigkeit v gestatten,
mit der der Äther an der Erde vorbei oder diese durch den Äther
streicht. Da die Erde an zwei gegenüberliegenden Punkten ihrer Bahn
um die Sonne bestimmt verschiedene Geschwindigkeiten hat (Unterschied 60
km/s), müßte mindestens entweder im Sommer oder im Winter eine
solche Zeitdifferenz auftreten. Zeitdifferenzen der fraglichen Größenordnung
sind mit optischen Mitteln völlig sicher meßbar, und zwar als
Gangunterschiede auf einem Interferenzschirm. Das Experiment verläuft
so, daß man einen Lichtstrahl mittels eines halbdurchlässigen
Spiegels in zwei kohärente senkrecht zueinander laufende Strahlen
teilt und diese, ganz nach dem Vorbild der beiden Schwimmer, in sich selbst
zurückspiegelt und auf einem Punkt des Interferenzschirmes wieder
vereinigt.
Abb.: Michelsoninterferometer
Eine "Armlänge" von 25m ergäbe so einen Gangunterschied von
einer halben Wellenlänge grünen Lichts (500 nm) zwischen den
beiden Teilstrahlen, der sich dadurch deutlich machen würde, daß
sich deren Intensitäten "weginterferieren". Es trat aber nichts dergleichen
ein, weder im Sommer noch im Winter. Dieses negative Ergebnis gehört
zu den meistdiskutierten und bestbestätigten der ganzen Physik.
Es hat nicht an Versuchen gefehlt, den negativen Ausgang des Michelson-Versuches
durch Hilfshypothesen zu erklären. Wenn z.B. die Ausbreitung des Lichts
durch die Bewegung seiner Quelle bestimmt würde (wie dies der Newtonschen
Kor
puskularhypothese entspräche, die allerdings eigentlich einen
Verzicht auf den Äther impliziert), wäre fur eine irdische Quelle
kein Effekt zu erwarten. Man hat den Michelson-Versuch auch mit Sternlicht
ausgefuhrt, mit dem gleichen negativen Ergebnis.Wichtig ist ferner die
"Mitführungshypothese". Wenn der Äther in der Nähe der Erde
durch diese oder durch die Atmosphäre mitgerissen würde, ließe
sich natürlich keine Relativbewegung zwischen Labor und Äther
nachweisen. Daß die Luft den Äther mitführen könnte,
wird durch den Versuch von Fizeau widerlegt. Dabei wird die Lichtgeschwindigkeit
in strömenden Flüssigkeiten gemessen. Es zeigt sich (vom Ätherstandpunkt
beschrieben), daß die Körper zwar den Äther mitführen,
aber nur unvollständig, und um so besser, je größer ihre
Brechzahl ist. Luft mit ihrer Brechzahl nahe 1 bringt keine merkliche Mitführung
zustande.
Ein anderer Erklärungsversuch stammt von Lorentz und Fitzgerald.
Er besagt, daß die erwartete Zeitdifferenz zwischen den Laufzeiten
in den beiden Armen des Interferometers genau dadurch kompensiert wird,
daß der Arm, der in Richtung des "Ätherwindes" steht und daher
die längere Laufzeit liefern sollte, gerade um einen entsprechenden
Betrag verkürzt wird, und zwar infolge Stellung zum Ätherwind.
Beim Schwenken des Apparats soll diese Verkürzung auf den anderen
Arm übergehen. Das klingt zunächst völlig "ad hoc" spekuliert,
aber Lorentz konnte tatsächlich zeigen, daß sich ein System
elektrischer Ladungen unter gewissen Voraussetzungen genau so verhält,
nämlich in Bewegungsrichtung um genau den fraglichen Betrag verkürzt.
Es war daher nur die recht plausible Annahme nötig, alle Materie bestehe
letzten Endes aus elektrischen Ladungen, um dieses Verhalten für sämtliche
Maßstäbe postulieren zu können. Allerdings wird man dabei
eine mißtrauische Verwunderung nicht los, daß die Natur zu
so "üblen Tricks" greifen sollte, um uns die Wahrheit über unseren
absoluten Bewegungszustand vorzuenthalten.
Das Realtivitätsprinzip
Man hat die Lorentzsche Hilfshypothese als den Todesschrei des Äthers
bezeichnet. Einstein übernahm sie zwar, aber baute sie in einen weitaus
größeren Rahmen ein, in dem der so widerspruchsvolle Begriff
des Äthers ganz verschwand. Man kann seinen Ausgangspunkt in zwei
Postulaten formulieren, die durch die Erfahrung, wie wir angedeutet haben,
bestens gesichert sind:
l. Das Relativitätsprinzip. Es gibt kein Mittel, absolute
Geschwindigkeit zu messen.
Hierin ist die Identität der mechanischen Gesetze und Vorgänge
in allen Inertialsystemen, aber auch darüber hinaus die Identität
aller Naturgesetze überhaupt in allen gleichförmig-geradlinig
zueinander bewegten Systemen (ob sie Inertialsysteme sind oder nicht) einbegriffen,
und ganz speziell der negative Ausgang des Michelson-Versuches. Natürlich
ist diese Behandlungsweise "gordischer" Probleme brutal und muß sich
durch ihre Folgen rechtfertigen.
2. Die Lichtgeschwindigkeit ist unabhängig von der Bewegung
der Lichtquelle.
Dies wird durch den Michelson-Versuch mit Sternlicht bestätigt, der
ebenso negativ ausfällt wie der mit elner irdischen
Lichtquelle. Beobachtungen an Doppelsternen führen zum gleichen
Schluß. Aus 1 und 2 folgt speziell: das Licht breitet sich in allen
Inertialsystemen (unabhängig von der Art seiner Quelle) in allen Richtungen
mit der gleichen Vakuumgeschwindigkeit aus, nämlich c = 3·108
m/s.
Die Fülle der Folgerungen, die sich bei konsequentem Weiterdenken
aus diesen einfachen Prämissen ergibt, ist gewaltig. Die ganze spezielle
Relativitätstheorie gehört dazu.
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