Zum Michelson-Versuch
Die vorrelativistische (Newtonsche) Mechanik war invariant gegen Galilei-Transformationen,
die Elektrodynamik gegenüber der Lorentz-Gruppe. Da diese aber mit
der Galilei-Gruppe höchstens ein einziges Bezugssystem gemeinsam haben
kann, war anzunehmen, daß es durch mechanisch-elektrische bzw. mechanisch-optische
Versuche möglich sein müsse, dieses "absolute" Inertialsystem,
dem man in Anlehnung an die historische Entwicklung den Namen "Weltäther"
gab, aufzufinden. So war es z. B. die Meinung dieser Absoluttheorie daß
die Lichtausbreitung im Vakuum im Äther erfolge und relativ zu diesem
allseitig, mit der Geschwindigkeit c fortschreite. Da man, wenn man nicht
in ein geozentrisches Denken zurückfallen will, nicht annehmen kann,
daß die Erde relative zum Weltäther ruht, sondern in jedem Augenblick
eine gewisse Geschwindigkeit gegen den Äther haben muß,
sollte es also möglich sein, die scheinbare Anisotropie der Lichtausbreitung
relativ zur Erde nachzuweisen.
Der aussichtsreichste Versuch in dieser Hinsicht ist das nachfolgend
beschriebene, von Maxwell vorgeschlagene und im Jahre 1881 von A.A.
Michelson erstmals ausgeführte, in späteren Jahren von verschiedenen
Seiten verbesserte Experiment. Es wurde u. a.
Abb. 1
im Jahre 1930 von G. Joos mit den Hilfsmitteln des Zeisschen Laboratoriums
in Jena mit solcher Genauigkeit wiederholt, daß noch eine Erdgeschwindigkeit
von v = 1,5 km/s gegen den Äther hätte nachgewiesen werden
können. Abgesehen von abweichenden Resultaten D.C.Millers, die jedoch
nicht bestätigt werden konnten, haben alle Ausführungen des Michelson-Versuchs
ein negatives Ergebnis gehabt. Neben dem Versuch von Trouton und Noble
ist er dadurch zur wichtigsten Erfahrungsgrundlage der speziellen Relativitätstheorie
geworden. Er kann wie folgt prinzipiell geschildert werden (Abb. 1).
Von der Lichtquelle Q fällt ein Lichtstrahl auf die halbdurchlässige
planparallel Glasplatte G. Er wird teils zum Spiegel S1 hin
reflektiert und kehrt von dort zur Glasplatte zurück, sie wiederum
teilweise zum Fernrohr F hin durchsetzend. Zum anderen Teil geht der Primärstrahl
sofort durch die Glasplatte hindurch zum Spiegel S2 und erreicht
von dort nach Reflexion an G gleichfalls das Fernrohr, wo er mit dem ersten
Teil interferiert. Denkt man sich die letztgenannte Reflexion ersetzt durch
die Strahlung, die vom optischen Bild S'2 des Spiegels S2
(an G) herkäme, so erkennt man, daß die Interferenz denselben
Charakter hat, als ob sie an den Spiegeln S1 und S'2
zustande käme, also wie bei einer Interferometeranordnung. Sind S1
und S'2 exakt parallel, so entstehen bei senkrechtem Auftreffen
der Strahlen die bekannten Interferenzringe. Bei etwas schiefer Auftreffrichtung
wird von diesem Ringsystem nur ein Ausschnitt weit weg von ihrem Zentrum
zu sehen sein. Sind aber S1 und S'2 nicht parallel,
so entstehen im Gesichtsfeld des Fernrohres die "Streifen gleicher Dicke".
In beiden Fällen wird das Gesichtsfeld also von einem parallelen und
äquidistanten Streifensystem durchzogen.
Der Apparat ist so montiert (auf einer Steinplatte, die auf Quecksilber
schwimmt), daß er um eine Achse senkrecht zur Zeichenebene leicht
gedreht werden kann. Für die Lage der Interferenzstreifen maßgebend
ist der optische Gangunterschied, den die beiden Strahlen von ihrer Aufspaltung
an der Vorderseite der Platte an bis zu ihrer Wiedervereinigung an der
Rückseite erreichen (Der Durchtritt durch die planparallele Platte,
der in beiden Fällen unter 45° Neigung gegen die Platte geschieht,
wirkt sich symmetrisch aus und kann in der Folge außer Betracht bleiben,
bzw. durch eine kleine Wegkorrektur ersetzt werden). Da nun nach der Auffasung
der Absoluttheorie die Lichtfortpflanzung im Äther mit der Geschwindigkeit
c erfolgt, hat man die beiden optischen Wege in dessen Ruhesystem zu ermitteln.
Dabei spielt, wie leicht einzusehen ist, die Geschwindigkeit v des Apparats
gegen den Äther eine entscheidende Rolle, allerdings nur die Komponente
in der Ebene des Apparats, weil sich eine Komponente senkrecht dazu in
gleicher Weise auf die beiden Strahlen auswirken müßte, deren
Gangunterschied also nicht verändern würde. Zur Abschätzung
dieses Geschwindigkeitseinflusses genügt es, die beiden Arme des Apparats
gleich lang (l1 = l2 = l) anzunehmen.
Sie sind in Wirklichkeit auch nahezu gleich.
In der Abb. 2 nimmt man zunächst an, die Geschwindigkeit der Erde
gegen den Äther habe die Richtung .
Dann ist die Zeit, die der Strahl 1 bis zum Spiegel 1 und zurück zur
Platte braucht
Für die Zeiten, die das Licht unterwegs ist, kommt es nämlich
auf die relative Geschwindigkeit an. So ergibt sich für den Strahl
1 insgesamt der Lichtweg:
Dagegen ist der Weg des Strahls 2 bis wieder zurück zur Platte wie
aus Abb. 2 zu entnehmen ist:
Näherungsweise ist also
.
Dreht man nun den Apparat in seiner Horizontalebene um 90°, so vertauschen
die Arme 1 und 2 ihre Rollen, und der Gangunterschied wird der entgegengesetzte.
Dabei müßte sich also das Streifensystem um ganze
Streifenbreiten verschieben, wenn Lambda die Wellenlänge des benützten
Lichts ist.
Abb. 2
Beobachtet wurde an verschiedenen Orten der Erde zu den verschiedensten
Tages- und Jahreszeiten keine Verschiebung. Ein positiver Effekt, den Miller
eine Zeitlang entdeckt zu haben glaubte, konnte nicht bestätigt werden.
Vergrößerung des Weges, nämlich durch mehrfache Hin- und
Herreflektion (zwischen dem durch Spiegel erweiterten System G und den
Spiegeln S1 und S2) konnte die Genauigkeit so
gesteigert werden, daß noch ein 1/1000 des
oben berechneten Effekts hätte wahrgenommen werden müssen. Trotzdem
zeigte sich keine Spur einer Verschiebung.
A. Einstein schließt daraus, daß eine Absolutbewegung gegen
einen Weltäther nicht existiert, daß vielmehr alle physikalischen
Gesetze, mechanische und elektrodynamische, einem gemeinsamen Relativitätsprinzip
gehorchen, welches den Begriff der Translationsgeschwindigkeit in ähnlicher
Weise relativiert, wie es das Galileische Relativitätsprinzip im Rahmen
der Newtonschen Mechanik tat. Er forderte in der speziellen Relativitätstheorie
Invarianz der physikalischen Gesetze gegen Lorentz-Transformation.
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