Hendrik Antoon Lorentz

* 13.Juli 1853 in Arnhem, + 4.Februar 1928 in Haarlem
Während der Schulzeit in Arnhem schuf sich Lorentz. eine ausgezeichnete
Grundlage für sein Studium der Mathematik und Physik, das er 1870
an der Universität Leiden aufnahm. Bereits nach einem Jahr erwarb
er das Diplom der Wissenschaften. Kurz darauf übernahm er im Februar
1872 an der Abendschule in Arnhem eine Lehrstelle. Neben dieser Tätigkeit
gelang es ihm durch Selbststudium, 1873 die Doktorprüfung abzulegen.
1875 folgte seine berühmte Dissertation "Réflexion et réfraction
de la lumière dans la théorie électromagnétique".
Mit dem in ihr behandelten Problemkreis griff er die Wellentheorie von
Augustin-Jean Fresnel auf und überarbeitete sie mit der Maxwellschen
Theorie des Elktromagnetismus. Hatte Fresnel noch versucht, das Wesen des
Lichtes mechanisch mit seiner elastischen Äthertheorie zu erfassen,
beschrieb Lorentz nunmehr das Licht als eine elektromagnetische Welle,
die sich in einem ruhenden, überall gleichmäßig verteilten
Äther ausbreitet. Damit war Lorentz imstande, Brechung und Reflexion
des Lichtes ausschließlich mit transversalen Wellen zu erklären.
Fresnel hingegen hatte zur Deutung dieser Erscheinungen auch longitudinale
Wellen heranziehen müssen, obwohl diese trotz umfangreicher experimenteller
Untersuchungen (insbesondere mit polarisiertem Licht) nie nachgewiesen
werden konnten - auch nicht von Fresnel selbst. Die Optik wurde somit durch
Lorentz' Dissertation als Teilgebiet der Elektrodynamik untergeordnet.
Nachdem Lorentz 1877 auf eine Professur für Mathematik an der Universität
Utrecht verzichtet hatte, übernahm er 1873 den ersten niederländischen
Lehrstuhl für theoretische Physik an der Universität Leiden.
Seiner Aufgeschlossenheit gegenüber allen Gebieten der Physik ist
die Klärung vieler Probleme zuzuschreiben. Anfangs der achtziger Jahre
galt sein Interesse vorwiegend der kinetischen Gastheorie und der Thermodynamik:
1880 bestätigte er die Gültigkeit der von James Clerk Maxwell
angezweifelten van der Waalsschen Zustandsgleichung. 1886 folgte die thermodynamische
Behandlung des thermoelektrischen Effektes in Metallen (den er übrigens
später auch aus molekulartheoretischer Sicht beschrieb); 1887 endlich
schloß Lorentz eine von seinem Kollegen Heike Kamerlingh Onnes aufgezeigte
Lücke im Boltzmannschen Theorem und verhalf damit der Boltzmannschen
Theorie zu ihrer endgültigen Fassung.
Lorentz' größtes Verdienst ist der Aufbau einer Elektronentheorie
(1892). Hierin griff er die von Hermann von Helmholtz (1881) zur Erklärung
der Faradayschen Gesetze der Elektrolyse (1833) gestellte Forderung einer
atomistischen Struktur der elektrischen Ladungen auf: die gegen den Äther
frei bewegliche Materie setzt sich aus positiv geladenen Ionen und negativ
geladenen Elektronen zusammen, die im Falle elektrischer Neutralität
in gleicher Anzahl vorhanden sind. In Isolatoren sind die Elektronen elastisch
an ihre Gleichgewichtslage gebunden; in Metallen hingegen können sie
sich frei bewegen. Alle elektrischen und magnetischen Erscheinungen werden
ausschließlich durch das Verhalten elektrischer Ladungsträger
verursacht, gemäß welchem im Äther ein besonderer Zustand
- heute als elektrisches oder magnetisches Feld bezeichnet - verbreitet
wird. Dank dieser Vorstellungen gelang es Lorentz, die Materialkonstanten
der Maxwellschen phänomenologischen Feldtheorie zu bestimmen: die
Dielektrizitätskonstante erklärte Lorentz mittels Dipolen, die
durch ein angelegtes elektrisches Feld ausgerichtet werden; die Permeabilität
führte er auf Ringströme zurück, die durch die in geschlossenen
Bahnen um die Atomrümpfe kreisenden Elektronen bedingt sind; die Leitfähigkeit
begründete er mit der Beweglichkeit der Ladungsträger in der
Materie.
Auch die Dispersion des Lichtes ließ sich zwanglos mit der Vorstellung
deuten, die elastisch gebundenen Elektronen würden durch eine elektromagnetische
Welle zu erzwungenen Schwingungen angeregt. Eine hervorragende Bestätigung
hierfür erbrachte 1896 Pieter Zeeman mit dem Nachweis der Aufspaltung
von Spektrallinien in einem starken Magnetfeld (Zeeman-Effekt). Aufgrund
dieser Arbeiten wurde Lorentz und Zeeman 1902 der Nobelpreis zugesprochen.
Waren die Aussagen der Lorentzschen Elektronentheorie über die
Materie insbesondere durch den Zeeman-Effekt experimentell gut gesichert,
so bedurfte die Lorentzsche Hypothese eines absolut ruhenden Äthers
noch einer Bestätigung, welche sich auf die Frage nach der Wirkung
des Ätherwindes (verursacht durch die schnelle Bewegung eines Körpers
durch den Äther) zurückführen ließ.
Der erwartete Einfluß des Ätherwindes konnte jedoch weder
durch den 1881 von Albert Abraham Michelson und Edward Williams Morley
ausgeführten Versuch noch durch die von Lorentz angeregte, mit größerer
Genauigkeit durchgeführte Wiederholung 1887 nachgewiesen werden.Dieses
negative Ergebnis vermochte Lorentz nur durch die Übernahme der bereits
1892 von George Francis Fitzgerald formulierten Kontraktionshypothese mit
seiner Äthertheorie in Einklang zu bringen. Die hierbei auftauchende
Frage nach dem gleichen Ablauf elektromagnetischer Vorgänge in gegenüber
dem Äther bewegten sowie ruhenden Systemen war für Lorentz (1899)
nur durch die Annahme lösbar, daß jedem gleichförmig bewegten
System ein anderes Zeitmaß zuzuordnen sei. Damit war er in der Lage,
Transformationsgleichungen für die Maßgrößen in den
verschiedenen Systemen derart aufzustellen, daß die Invarianz der
Maxwellschen Gleichungen gegenüber diesen sogenannten Lorentz- Transformationen
gewahrt blieb.Die Aufstellung des Planckschen Strahlungsgesetzes im Oktober
1900 rückte das Strahlungsproblem in den Mittelpunkt des Interesses
der führenden Physiker. Lorentz verhielt sich gegenüber der Planckschen
Strahlungstheorie jahrelang skeptisch, da er 1903 auf der Grundlage des
Kirchhoffschen Satzes über schwarze Körper sowie 1906 mittels
der Herleitung des Gleichverteilungssatzes aus den mechanischen und elektromagnetischen
Grundgleichungen wiederholt auf die Rayleigh-Jeans-Strahlungsformel stieß.
So gar noch 1908 auf dem Kongreß in Rom behielt Lorentz seine ablehnende
Haltung gegenüber der Planckschen Strahlungsformel bei. Dies brachte
ihm allerdings die heftigste Kritik ein, da die Plancksche Strahlungsformel
bereits als experimentell gut belegt galt. Erst jetzt entschied sich Lorentz
zugunsten der Planckschen Strahlungstheorie: "Wir müßten
also wirklich die Jeanssche Theorie als Erklärung der beobachteten
Erscheinungen aufgeben, und nur die Plancksche Theorie bleibt uns übrig.
Sie müssen nicht denken, daß ich diese nicht sehr gut würdige,
im Gegenteil, ich bewundere sie sehr, wegen ihrer Kühnheit und ihres
schönen Erfolges."
Lorentz' "äußerst vorsichtige Zurückhaltung", wie Max
Planck urteilte, zeigte sich nicht nur gegenüber der Planckschen Strahlungstheorie,
sondern auch in seiner Beurteilung der Einsteinschen Relativitätstheorie
und bei der Weiterentwicklung der Quantentheorie. Im Grunde blieb er in
der Physik des 19. Jahrhunderts verwurzelt. Noch 1927 bekannte er: "Ich
möchte das Ideal von früher beibehalten, alles was sich in der
Welt ereignet, mit klaren Bildern zu beschreiben." Nichtsdestoweniger bekundete
er doch seine Aufgeschlossenheit gegenüber der modernen Physik durch
zahlreiche vielbeachtete Übersichtsreferate und Stellungnahmen zum
jeweils neuesten Stand der Forschung. Dadurch erwarb er sich großes
Ansehen auf internationalen Physikerkongressen, für die er dank seines
gewandten Wesens und der vollkommenen Beherrschung der wichtigsten Umgangssprachen
der "gegebene Ehrenpräsident" war, wie es Planck formulierte.
Trotz seiner internationalen Verpflichtungen gab er seine Lehrtätigkeit
nie ganz auf. Als außerordentlicher Professor hielt er ab 1912 regelmäßig
bis kurz vor seinem Lebensende seine berühmten "Montagsvorlesungen"
an der Universität Leiden ab. Sogar Albert Einstein und Paul Ehrenfest
zählten oft zu seinen Hörern.
Lorentz' Vielseitigkeit gestattete es ihm, auch auf Gebieten außerhalb
der Universität erfolgreich mitzuwirken. Nach der Flutkatastrophe
1916 in Nordholland wurde er 1913 mit der Planung für die Trockenlegung
der Zuider-See beauftragt, die er 1926 abschloß. (1932 wurde der
Dammbau beendet.) Außer dieser nationalen Aufgabe widmete sich Lorentz
nach dem ersten Weltkrieg mit voller Kraft der Wiederbelebung der internationalen
Zusammenarbeit zwischen den Physikern. Jedoch blieb es Lorentz versagt,
die Verwirklichung dieses Anliegens noch zu erleben.
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