DIE GESCHICHTE DES KLOSTERS OBERZELL
Gründung
Das Kloster Oberzell wurde 1126 vom Prämonstratenserorden gegründet, einem Reformzweig der Augustinerchorherren. Der Legende nach wurde eine blinde Frau während einer Ostermesse wieder sehend, die der Heilige Norbert von Xanten, der Begründer des Prämonstratenserordens, 1126 im Würzburger Dom abhielt. Daraufhin traten zwei wohlhabende Würzburger Bürger dem Orden bei und stifteten jenem ihren Besitz, um die Gründung eines Klosters zu ermöglichen. Aber erst 1128 konnte die Prämonstratenserniederlassung verwirklicht werden, als Bischof Embricho (1127-46) von Würzburg im Tausch gegen jene Besitzungen dem Orden ein Areal in Zell überließ. Das Kloster in Oberzell beherbergte anfänglich Mönche und Nonnen, aber schon um etwa 1200 wurden mit der Gründung des Frauenklosters "Unterzell" die Nonnen räumlich von den Mönchen getrennt, blieben jedoch weiterhin Oberzell unterstellt.
Geschichte bis zur Säkularisierung
Während der nun folgenden Jahre sah der Orden seine
Hauptaufgabe in der Seelsorge und Mission, bald wurden auch sechs Pfarreien aus
der Umgebung mit ihren Filialen versorgt. Seit Mitte des 13.Jahrhunderts machte
sich aber eine Konkurrenz durch Bettelorden wie die der Franziskaner und
Dominikaner bemerkbar. Weitaus mehr aber hatte das Kloster Oberzell unter den
Kriegen zu leiden, so im Bauernkrieg 1525, als Bauern aus dem Amt Karlstadt die
Abtei verwüsteten. Noch schlimmer hinterließ der Dreißigjährige Krieg seine
Spuren: Die Bibliothek und der Kirchenschatz gingen verloren, Lebensmittel- und
Geldvorräte wurden mehrfach geplündert sowie Besitztümer und Einkünfte
zeitweise weltlichen Herren unterstellt. Nach einer langen Erholungsphase
erlebte Oberzell schließlich im 18.Jahrhundert seine Blütezeit, wo
Gelehrsamkeit und Wissenschaft besonders gefördert wurden. Der nach den Plänen
von Balthasar Neumann begonnene Neubau des Klosters und der Kirche wurde jedoch
durch die Koalitionskriege im Zeitalter Napoleons nie ganz vollendet, als die
Abtei mal für die österreichische, mal für französische Armee als Lazarett
herhalten musste.
Aufhebung der Abtei
Als eine weitere Folge der Koalitionskriege wurden sowohl Ober- als auch Unterzell am 4.12.1802 weit unter ihrem tatsächlichen Wert säkularisiert. Viehbestand und aller Hausrat wurden versteigert, der Kirchenschatz, Musikinstrumente, die wissenschaftlichen Sammlungen sowie Kunstwerke in alle Winde verstreut. Das Kloster selbst und die dazugehörigen Gebäude wurden von einem Nürnberger Bürger erworben, der es jedoch bald wieder durch einen Konkurs an den Staat verlor, der wiederum das Hauptgebäude an das Juliusspital weiterverkaufte.
Einrichtung einer Maschinenfabrik
1817 wechselte Oberzell, ohne den dazugehörigen Gutshof, erneut den Besitzer: Friedrich Koenig und Andreas Bauer kauften das leerstehende Kloster für 35 000 Gulden, um dort ihre Druckmaschinenfabrik zu begründen. Insgesamt 84 Jahre lang wurde, nicht ohne einige baumaßnahmliche Veränderungen, in der Abtei produziert, bis das Unternehmen 1901 aus räumlichen Gründen auf die andere Mainseite übersiedelte. Ein Teil der Klostergebäude wurde von Friedrich Koenig und seiner Familie als Wohnraum genutzt. Nach seinem Tod wurde Koenig auf dem ehemaligen Klosterhof beigesetzt, das Familiengrab ist dort heute noch zu besichtigen.
Erwerb durch Klosterschwestern
1855 hatte sich in der unmittelbaren Nachbarschaft Oberzells
die "Kongregation der Dienerinnen der Hl. Kindheit Jesu" unter der
Würzburgerin Antonia Werr (1813-68) gebildet, mit der Aufgabe, sich um
verwahrloste und sittlich gefährdete Mädchen zu kümmern. 1901 konnte die
Kongregation die Abtei Oberzell erwerben, um sie ihrer ursprünglichen
Bestimmung zurückzugeben. Bereits im Oktober 1902 wurde in dem Kloster ein
Erholungsheim eingerichtet, genannt "St.Norbertus-Heim", November
gleichen Jahres zog noch eine Haushaltsschule ein. Anschließend wurde die
Kirche wiederhergestellt, Chor und Türme neu aufgebaut, die noch erhaltenen
Deckengemälde restauriert. 1916 übernahmen die Schwestern auch noch das
ehemalige Klostergut. 1923 wurde schließlich das Mutterhaus der Kongregation in
das St.Norbertus-Heim verlegt. Den Zweiten Weltkrieg überstand Oberzell relativ
unbeschadet, so dass sogar von April 1945 bis Januar 1950 die Würzburger
Bischöfe Matthias Ehrenfried und sein Nachfolger Julius Döpfner mit ihrem
Domkapitel und Ordinariat Aufnahme bei den "Zeller Schwestern" fanden.
Christine Meyer