Gesuch Friedrich Koenigs an König Max I. von Bayern (Original im HSTA München, Staatsministerium der Finanzen, MF 20 882)

Kloster Oberzell im Untermainkreise am 12ten Februar 1821

Allerdurchlauchtigster Großmächtiger König

Allergnädigster König und Herr!

Allerunterthänigste Bitte der Fabricanten Koenig und Bauer die Fortschritte ihres Unternehmens betreffend

Nach dreijährigem Aufenthalte in Euer Majestät Staaten und mannigfachen Erfahrungen finden wir uns veranlasst Euer Königlichen Majestät über den Erfolg der Errichtung einer mechanischen Fabrik, die uns beim Ankauf dieses Klosters als Verbindlichkeit auferlegt worden ist, Rechenschaft zu geben, unsere ferneren Aussichten und Pläne vorzulegen. (...) Wir hatten uns (...), noch ehe wir London verließen, verbindlich gemacht, einige Druckmaschinen hier zu bauen. Diese Maschinen sind aber (...) so künstlich, (...), daß einiger Muth dazu gehörte es anderswo zu wagen. (...) es werden sehr schöne Gußmodelle bei uns gemacht. (...) Wir brauchten zunächst eine Eisengießerei, denn die Maschinen (...) müssen großentheils von Eisen seyn. In England ist dies Gewerb zu einer großen Vollkommenheit gebracht, und wie wohl die Fortschritte in einem Fache fast immer zur Vervollkommnung anderer Gewerbszweige beitragen, so läßt sich doch kaum ein Gewerb nennen, das vielen andern dort so fortgeholfen und zum Leiter gedient hat, als die eisengießerei. In Deutschland ist dies Geschäft (...) noch in der Kindheit, meistens mit dem Hohen Ofen Betriebe vereinigt, und wenn etwas anderes als die gemeinsten und einfachsten Artikel verlangt werden, so fehlt es an Einrichtungen, Werkzeugen, besonders aber an Kenntnißen. (...) Gegenwärtig nach zweijähriger Erfahrung leisten wir mit unserer Eisengießerei alles was man in einer Englischen von gleichem Umfange zu leisten im Stande ist. (...) Bei unserem Versuche in der Eisengießerei hat sich das merkwürdige Resultat ergeben, daß wir unser Schmelzmaterial besser und wohlfeiler von der Grenze Schottlands als von dem nahen Spessartwalde beziehen können. (...) Ein anderer wesentlicher Zweig einer mechanischen Manufactur ist eine gut versehene Metalldreherei. (...) Wir haben ferner zwei Schmieden und eine kleine Messinggießerei errichten müssen. Neben allen diesen besteht die eigentliche Werkstatt, worinn metallene Maschinentheile bearbeitet, gestaltet und zusammengefügt werden. (...) Wir wissen (...), dass noch nirgends in Deutschland eine solche Vereinigung von Mitteln zur Erbauung mechanischer Kunstwerke vorhanden ist, (...). Hier ist, was nicht zum täglichen Verbrauch gehört, für Geld nicht zu haben; es fehlt an Geschick oder guten Willen das Ungewöhnliche zu thun. (...) Von allem aber, was sich dort fertig und vollendet darbietet, haben wir nichts so schmerzlich vermißt, als die lebendigen Werkzeuge der Arbeiter. (...) In England, wo seit 200 Jahren eine absolute Gewerbfreyheit besteht, hat sich von selbst eine große Theilung der Arbeiten eingeführt, und es sind eine fast unglaubliche Anzahl neuer Handwerke entstanden, die in Deutschland noch nicht einmal dem Namen nach bekannt sind. Bei uns ist durch das Zunftwesen alles bestimmt und begrenzt, es gibt nur eine gewiße Anzahl Handwerke, wie es nur eine gewisse Anzahl Fächer fürs Alphabet im Schriftsetzerkasten giebt. (...) Da mit jeder neuen Verbesserung oder Erfindung in England ein neues Handwerk entsteht, so ist leicht zu errathen, daß das auch im Fache (...) des Maschinenbaues der Fall gewesen seyn wird. Man nennt die Arbeiter dieser Klasse white Smith‘s & machinists. (...) In der Lage (...), blieb uns nichts übrig als entweder unser Unternehmen ganz aufzugeben, oder junge Leute aus dem benachbarten Dorfe Zell anzunehmen und selbst ihre Lehrer zu werden. (...), aus Zeller Gassenjungen und Hackern white Smithïs & machinists zu machen, ist unendlich gewesen. (...) so beträgt die Totalsumme, die für die directen und indirecten Zwecke des Etablissements ausgegeben worden sind, 60,000 fl. (...) Jetzt nach dem wir 3 Jahre lang die wahren Verhältnisse im Lande selbst kennen zu lernen Gelegenheit gehabt haben, finden wir, daß jene Gerüchte über das Aufblühen und die Vervollkomnung der Gewerbe in Deutschland und der angewandten mechanik insbesondere übertrieben und größtentheils grundlos waren. Wir haben Deutschland in diesem Punkte beinahe ganz so wiedergefunden, wie wir es verlassen haben. Von jenen künstlichen und kostbaren Maschinenund vervollkommneten Mühlwerken für die verschiedenartigsten Gewerbe, womit ganz England (...) bedeckt ist, giebt es hier noch keine oder es ist nur hier und da ein schwacher Anfang gemacht. (...) Wie uns also die Sache jetzt erscheint, steht unser Etablissement isolirt und gewissermaßen exotisch da, und gehört einer anderen Stufe der Industrie an. Wir haben auch durch Anlegung eines so bedeutenden Werkes und Capitals in diesem Lande keineswegs an Credit oder Vertrauen gewonnen. In England hatten wir durch das, was wir geleistet haben, einen Namen erworben, welcher dorth etwas werth ist. Nach Deutschland zurückgekehrt, haben wir in mehr als einem Sinne noch einmal von der Pike auf dienen müssen. (...) Unser Plan ist (...), von unserer mechanischen Manufaktur Gebrauch zu machen, um verschiedene Mühlwerke und Maschinen (...), für uns selbst zu bauen. (...) In dem nahen Klostergarten entspringen eine Menge kleiner Quellen, die einen sehr entbehrlichen Forellenbach bilden und dann ungenutzt in den Mayn fallen. Dies Wasser denken wir zu verwenden, um damit eine Schneidmühle, womit eine Lohmühle verbunden werden soll, zu treiben. (...) Es ist nemlich den Mayn aufwärts bis jenseits Schweinfurt und abwärts bis jenseits Lohr nur eine Schneidmühle, nemlich in Würzburg. (...) nur den bereits beim Ankauf dieses Klosters in Vorschlag gebrachten Plan: eine Papierfabrik mit den neuesten Englischen Verbeßerungen hier anzulegen, wollen wir in Erinnerung bringen (...). Wir wünschen sehr, so bald als möglich zur Ausführung des besagten Planes schreiten zu können (...). Wir finden (...), daß dies Lokal zu einer solchen Papierfabrik große Vortheile darbiethet, und die Conjunkturen wären auch in kaufmännischer Rücksicht einem solchen Unternehmen günstig, indem bekanntlich schon seit mehreren Jahren in Deutschland ein allgemeiner Papiermangel gewesen ist. (...) An die Schlechtheit des deutschen Papiers wird man erinnert, so oft man die Feder in die Hand nimmt, besonders bei geringeren Sorten, worauf es sich ohngefähr so schreibt, wie sich’s auf einer frischbeschütteten Chaussée fährt. (...) im Allgemeinen aber (herrscht der) Umstande, daß in England die Besitzer von Papierfabriken Leute sind, die mehr Capital, Kenntniße, Industrie und Unternehmungsgeist haben, als unsere deutschen Handwerker. Vor kurzem ist in Berlin eine Papierfabrik dieser Art auf Actien errichtet worden. (...) , und wenn wir hier ein ähnliches Werk (...)- mit 30, 000 fl. darstellen, so würde das ein auffallendes Beyspiel seyn (...), und nur der Umstand, daß wir die mechanische Manufactur im Hause haben, und selbst die Planmacher, Arkanisten, Baumeister und Obergesellen sind, würde es erklären, daß wir so viel beßer zu Markt zu gehen wußten, als die Berliner Actionärs. (...) Allein wir müssen gestehen, daß wir nach den unerwartet großen Kosten unserer Einrichtung, nicht im Stande sind weitere kostspielige Unternehmungen blos mit eigenen Mitteln auszuführen. (...)Diese Umstände veranlassen uns zu folgenden allerunterthänigsten Bitten: 1.) Daß Euer Königlichen Majestät geruhen möchten den Artikel der Verkaufspunktation, die Fristenzahlungen betreffend, dahin abzuändern, daß der ganze Kaufschilling gegen 4procentige Verzinsung bis zum Jahr 1827 stehen bleibe. 2.) Daß uns zur Errichtung der obengenannten Anlagen und der Papierfabrik ein unverzinslicher Vorschuß von 20.000 fl. aus der Staatskasse auf 5 Jahre bewilligt (...) werden möge. (...) Unsere zweite Bitte um eine Unterstützung durch baaren Vorschuß waagen wir der Berücksichtigung Euer Königlichen Majestät durch folgende Gründe allerunterthänigst zu empfehlen, (...) c.) daß dieses Capital großentheils in die Hände der geringern und bedürftigen Volksklasse kommt. d.) daß durch uns ein ganz neuer Zweig der Kunst und Industrie auf deutschen Boden verpflanzt worden ist, der in euer Königlichen Majestät Staaten einheimisch werden wird, (...) Übrigens erbieten wir uns (...) zu folgenden Bedingungen: (...) 2.) würden wir zur Sicherung des Allerhöchsten Aerars unser ganzes Vermögen mit Inbegriff der neuesten Anlagen, als Hypothek verpfänden. (...) Unser Beyspiel zeigt auf eine auffallende Art, wie viel schwerer und mühseliger neue Anlagen oder die Einführung neuer Gewerbe hier ist, als in England (...). Es ist zwar sowohl unserm Gefühl als unserm Streben nach einer bescheidenen Unabhängigkeit entgegen, uns mit unserm Etablissement dem Staate aufzubürden, denn ein solches Werk muß am Ende durch sich selbst bestehen können, - allein wir können doch nicht unterlassen, daran zu erinnern, daß wir unser jetzigen Niederlassung zu Gefallen alle unsere Aussichten in England (auf 6 Patente gegründet) aufgeopfert haben, wir sind mit unseren Compagnons, die uns nicht fortlassen wollten, zerfallen und zuletzt betrogen worden. (...) Daß die Bedingungen, unter denen uns diese Klosterrealitäten verkauft worden, kein Equivalent für das, was wir aufgeopfert haben, sind, haben wir erst einige Zeit nach unserer Ankunft hier eingesehen, (...) Kurz, wir gestehen das uns das Herz bluten würde, wenn dies mit so unsäglicher Mühe gegründete Werk, das wir in einem andern Lande ganz auf Unkosten des Staats hätten errichten können, und das wir hier als ein Privatunternehmen gegründet haben, ohne alle Unterstützung gelassen, unter dem Druck der Umstände zusammen sinken müßte. (...) Wenn Euer Königlichen Majestät geruhen wollten, unsere Bitten zu gewähren, so würde uns diese Gnade mit neuem Muthe beleben und ein Sporn zu neuen Anstrengungen seyn. Wir zweifeln nicht, daß mit einer temporären Hülfe unser Etablissement bald durch sich selbst bestehen und aller weiteren Hülfe entbehren kann. Jedoch die allgemein bekannte Huld Euer Königlichen Majestät, die Liberalität, mit welcher in Bayern Künste, Wissenschaften und Gewerbe in andern Fällen unterstützt werden, läßt uns mit Zuversicht die Gewährung unserer Bitten und in jedem Fall eine baldige Allergnädigste Entschließung hoffen, (...)
In tiefster Ehrfurcht
                      Euer Königlichen Majestät
allerunterthänigsten Koenig und Bauer"

zit. nach: Helfried Barnikel, Friedrich Koenig, Ein früher Industriepionier in Bayern, Diss. München 1965, S.415-432.

Simone Scheuring